Gemeinsam sind wir stärker – Minderheiten in Europa

 

 Internationale Sonnenberg-Tagung

in Kääriku, Estland

30.07. – 04.08.2006


   

Die Anreise erfolgte für viele der Teilnehmerinnen und Teilnehmer über den Flughafen Tallin, aber bis dahin hatten einige schon einen langen Weg hinter sich, und noch lagen mehr als drei Stunden Fahrt zum Sportzentrum Kääriku vor ihnen. Nach diesem sehr langen Tag beschränkte sich der Eröffnungsveranstaltung der Tagung am Abend auf die Begrüßung, einige Organisatorische Hinweise und einen Überblick über das geplante Programm. Die meisten waren danach froh, sich ausruhen zu können

   
Am nächsten Vormittag begann die inhaltliche Arbeit in der Tagung mit einer exzellenten Einführung von Professor Dr. Tõnu Seilenthal von der Universität Tartu: “Überblick über die finnisch-ugrische Geschichte“  
   
Prof. Dr. Seilenthal sprach estnisch, sein Beitrag wurde von unserer Tagungsassistentin Liisi Taimre ins englische übersetzt
   

Nach einem kurzen Ausflug am Nach-mittag sprach am Abend Kaarel Tarand aus Tallin, Chefredakteur der Zeitschrift „Sirp“ über ”Die Rolle der kleinen Staaten in der EU – wie sind die Einflussmöglichkeiten von Estland?“ Herr Tarand war selber eine zeitlang in der Politik tätig und beantwortete die im Thema gestellte Frage mit der provokativen These: „Es gibt keine.“

   
Zu Beginn des Dienstagvormittags sprach Stuart Sweeney, Founding Director, CriticalDance über „Staatsbürgerschaft und Minderheitsrechte in Estland – Perspektive eines Fremdlings“. Als jemand, der sich während seines „ersten Besuches in Tallin in diese Stadt verliebt hat“ und inzwischen – auch „wegen des spannenden kulturellen Lebens in dieser Stadt“ - viele Wochen im Jahr dort zubringt konnte er die Fakten auch mit eigenen Erfahrungen illustrieren.
   

Anschließend - noch am Vormittag - sprach Professor Emeritus Sergei Issakov von der Universität Tartu über „Russen in Estland –  Überblick über das estnisch-russische Verhältnis gestern, heute und morgen“. Professor Issakov hielt seinen Vortrag auf russisch und hatte eine hervorragende Dolmetscherin mitgebracht. Am Vormittag gab er einen sehr ausgewogenen Überblick über die Geschichte der Russen auf estnischem Gebiet. Bei der zusätzlichen Arbeitseinheit am frühen Nachmittag ließen die Antworten des Referenten auf eine Reihe von direkten Fragen seinen Standpunkt aber sehr klar werden.

   
Unter anderem provozierte diese klare Position wiederum eine Reihe von Fragen an unsere estnische Tagungsassistentin Liisi Taimre, die diese in einem sehr deutlichen Statement zu Beginn der Arbeitseinheit am Abend zusammenhängend beantwortete.
   

Unsere ungarische Kollegin Dr. Frida Pinter aus Nagykanizsa, referierte anschließend zum Thema „Vielvölkerstaat Ungarn - Minderheiten in Ungarn“. Neben einigen grundsätzlichen Anmerkungen zur Frage „wie ist eigentlich eine Minderheit definiert“ sprach sie vor allem über die Zigeuner („das ist bei uns kein Schimpfwort“) vor allem in Ungarn, aber auch in anderen europäischen Ländern. Erwartungsgemäß knüpften viele Diskussionsbeiträge gerade an diese Fragestellung an.

   

Nach den vielen Vorträgen hatten wir uns die Exkursion am Mittwoch wirklich verdient. Begleitet von einer sach-kundigen Dolmetscherin (im Bild links, daneben die beiden Mitarbeiter des Instituts) besuchten wir unter anderem das „Võro Institut“, das sich mit aussterbenden Sprachen und ihren Völkern – vor allem in der Region – beschäftigt. Nach einem Besuch in einem volkskundlichen Museum

   
und einem üppigen Mittagessen in einer sehr schönen Räumlichkeit folgte eine überaus faszinierende Darbietung von Setu – Tänzen und Liedern. Wer diese Lieder und die Art ihres Vortrages einmal gehört hat wird sie wohl nie wieder vergessen.
Der Tag ging zu Ende mit einem Sauna- und Grillabend – gerade noch rechtzeitig, bevor das bis dahin sehr schöne Wetter am späten Abend umschlug und es zu regnen begann
   
Ein weiteres konkretes Beispiel für eines der von Prof. Dr. Seilenthal erwähnten,
in seiner Existenz bedrohten Völker beschrieb Dr. Toivo Kabanen, Vorsitzender der Estnischen Ingermanländer-Finnischen Union und Ehrenkonsul Finnlands in Tartu in seinem Beitrag: „Eine finnisch-ugrische Minderheit in Finnland - der Fall der Inger-manländer“. Er sprach nicht nur über die Geschichte und die (besonders in der Sta-linära) zwangsweise Zerstreuung seines Volkes, sondern stellte auch Überlegungen zur Zukunft an. Es gibt aber nur wenig Hoffnung, dass dieses Volk überleben wird: Die Ingermanländer werden auf längere Sicht wohl von den Völkern, bei denen sie leben, assimiliert werden.
   
Nach der Tagungsauswertung am Nachmittag stand für den Abend noch die Feier zum 50jährigen Bestehen des Finnischen Sonnenbergkreises (siehe gesonderter Beitrag) und der Internationale Abend auf dem Programm. Es wurde ein langer Abend zum Abschluss einer sehr schönen und intensiven Tagung.  
   
  Ich bedanke mich bei allen, die diese Tagung vorbereitet und an ihr mitgearbeitet haben. Das ist vor allem natürlich der finnische Sonnenbergkreis, insbesondere natürlich Tellervo (Telle) Koutaniemi und Päivi Räty, aber auch Liisi Taimre – vielen Dank für die vertrauensvolle und sehr professionelle Zusammenarbeit
   

Die estnische Künstlerin Ülle Meister hat im Tagungssaal eine Reihe ihrer schönen Bilder eines Volkes ausgestellt und somit die Tagung auf ihre Weise begleitet und unterstützt.

   
Besonderer Dank gilt auch Dr. Ian King und Prof. Dr. Keith Stuart Parkes: ihnen ging auch dieses Mal trotz geradezu babylonischer Sprachvielfalt in der Tagung weder die exzellente Qualität der Übersetzung noch ihr Humor verloren.
   
Und natürlich den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vom Kääriku Freizeit- und Sportzentrum, die sich auch durch unsere vielen Sonderwünsche nicht aus der Ruhe bringen ließen.
   
Schließlich gilt mein Dank allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die meist mit Gelassenheit ertrugen, wenn es mal hakte und die den Beiträgen und unterschiedlichen Sprachen gelegentlich bis zur kompletten Ermüdung (!) folgten. Es war eine unvergessliche Tagung.
   

…und danke für die Photos von Margret Everly und – wem schon: Telle und Päivi

 

Lutz

 

 

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